IRONMAN Frankfurt 2017

„You are an Ironman“ –

Diese Worte hörte ich heute vor 8 Wochen zum ersten Mal. Inzwischen hat sich der Körper gut erholt und der Kopf wieder sortiert. Ein guter Zeitpunkt alles noch einmal Revue passieren zu lassen.

Spontan hatte ich mich dazu entschlossen auch den Freitag frei zu nehmen und einen Tag früher nach Frankfurt zu fahren als geplant. Freitags entspannt die Startunterlagen abholen und zur Wettkampfbesprechung, Samstag ausschlafen und das Rad einchecken, ein bisschen im See schwimmen und früh ins Bett. So war der Plan um den Samstag etwas zu entzerren.

Man merkt es dem Rennen an, dass es bereits seit vielen Jahren stattfindet. Alles ist top organisiert und die Beteiligten waren allesamt gut eingespielt. Das komplette Vorgeplänkel lief sehr entspannt ab, es gab kaum Wartezeiten. Allerdings machte mich der abendliche Blick auf meine Forerunner ein wenig nervös.

An beiden Tagen über 20.000 Schritte, soviel mache ich doch sonst nur wenn ein langer Lauf ansteht. Zwei lange Läufe direkt vor dem Ironman, bist du eigentlich bescheuert?! Du zerstörst dir gerade deine ganze Vorbereitung!

Auch wenn ich mich an beiden Tagen ziemlich entspannt gefühlt habe, sind das wohl Gedanken die sich nur durch die doch vorhandene innere Anspannung erklären lassen. Meine Frau hat meine daraus resultierende Laune aber tapfer ertragen und mich unterstützt wo sie konnte.

Sonntag 09.Juli 2017 3:45 Uhr: Da klingelte dann auch schon der Wecker. Das von uns gewählte Hotel beherbergte einge Triathleten und hatte ein Early Bird Frühstück für alle Teilnehmer organisiert. Wunderbar. Also in Ruhe geführstückt, den Rucksack geschnappt, meiner Frau einen Abschiedkuss gegeben und Richtung Shuttlebus maschriert. Da wir am Vortag feststellen mussten, dass Hunde keinen Zutritt zum Langener Waldsee haben, hätte meine Frau aufgrund unseres vierbeinigen Begleiters ohnehin nicht mit an den See gekonnt. Sie hat sich daher dazu entschlossen den Start gemühltlich aus dem Bett am Fernseher zu verfolgen.

„Oh man, ich mache bei einer Europameisterschaft mit die live im TV übertragen wird…“

Da spazierte ich also alleine um halb 5 durch Frankfurt. Der Weg war nicht schwer zu finden, regelmäßig tauchten rasierte Beine an den Straßenecken auf die schwarz weiße Ironmanrucksäcke auf den Schulter trugen und alle das gleiche Ziel ansteuerten. In einem Hotel schien die Klimaanlage so gut zu funktionieren, dass die angehenden Eisenmänner bereits mit halb angezogenem Neo aus der Lobby spazierten. Dabei hatte sich die Mehrheit der Teilnehmer aufgrund der Temperaturen der letzten Tage bereits geistig auf ein Neuverbot eingestellt.

Im Shuttlebus herrschte ungewöhnliche Stille. Die setzte sich in der Wechselzone fort. Das ist mir bisher bei keinem Triathlon  so sehr aufgefallen. Ob es an der frühen Morgenstunde lag oder an der großen Aufgabe die vor uns allen stand weiß ich nicht. Einzig die Durchsage, dass der See offenbar entgegen der Erwartungen aller und entgegen der Naturgesetze auf wundersame Weise unter der magischen 24,5°C Grenze geblieben war ließ die Menge in der Wechselzone kurz erleichtert aufjauchzen.

Aber auch jetzt verging die Zeit schnell. Viele Aufgaben ließen keinen Leerlauf aufkommen.

  • Bikecheck
  • kurze Livemeldung an die Chefin ins Hotelzimmer
  • Neo anziehen
  • Sachsen im Wechselbeutel versteuen
  • Wechselbeutel abgeben
  • feststellen, dass man vergessen hat aufs Klo zu gehen
  • Neo wieder ausziehen
  • Klo
  • Neo wieder anziehen
  • ab in den Startblock

Zum Warmmachen war schon keine Zeit mehr, ist für mich persönlich bei der Langdistanz aber auch weniger relevant.
Es war der Anfang eines langen Tages bei dem ich es im Wasser auch zunächst ruhig angehen wollte.

Noch ein wenig von der einzigartigen Atmosphäre aufsaugen und schon stand ich in der ersten Reihe und es ging ins Wasser.

Das Schwimmen war unspektakulär.
Man mag vom Rolling-Start halten, was man will, er sorgt in jedem Fall dafür, dass der Schwimmstart sehr entspannt ist. Ich neige dazu mich in der Startaufstellung leicht schwächer einzusortieren als ich bin. Es gibt mir beim Freiwasserschwimmen mit 3.000 Mitstreitern ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, in der Lage zu sein sich durch leichte Tempoverschärfungen spontan von Leuten die auf einen einschlagen oder einem aus welchem Grund auch immer nicht passen lösen zu können. Das wird natürlich mit der ein oder anderen Minute bezahlt, die man in einer schnelleren Gruppe vielleicht hätte mehr erschwimmen können.
Trotzdem, für mich ist das eine Lösung mit der ich mich wohl fühle.
Die Marschroute für diesen Tag sah ohnehin nicht vor einen neuen Schwimmrekord abzuliefern.  Am Ende stand mit 59 Minuten dennoch eine solide Zeit.
Wenn ich heute ans Schwimmen zurückdenke, sehe ich immer noch die Sonne, wie sie langsam über dem Langener Waldsee aufgeht während ich im warmen Wasser langsam voran kraule.
Das sind Momente in denen man mit sich und der Welt im reinen ist.

Vielleicht erklärt dieser Entspannungszustand die mit 07 Minuten 18 Sekunden verhältnismäßig lange Wechselzeit. T1 war dennoch schnell Geschichte und das 180km lange Zeitfahren konnte beginnen.

Aufgrund der Temperaturvorhersage vom über 30°C versuchte ich von Beginn an konsequent auf ausreichende Wasserzufuhr zu achten.
Da ich mit nur einer Wasserflasche unterwegs war wurde diese an jedem der ausreichend platzierten und mit vielen freundlichen Helfern gefüllten Verpflegungspunkte erneuert. Abgesehen vom Wasser war ich Selbstversorger. 13 Gels passen in meine Aeroflasche. Das war für mich die optimale Menge. Bei einem sehr gleichmäßigem Verzehr machte sich zu keiner Zeit ein Hungergefühl breit. Zwar betrachte ich die Gels während des Wettkampfs in erster Linie als Treibstoff und nicht als Nahrung, habe aber das Glück, dass sie mir wirklich gut schmecken. Strawberry-Banana von Powerbar war der Geschmack der Wahl und bei KM 100 gab es zur Abwechslung einmal Salty-Peanut.

Meine Highlights auf der Radstrecke waren neben den üblichen verdächtigen „The Hell“ (wtf – so ein Kopfsteinpflaster habe ich noch nie erlebt) und dem „Heartbreak-Hill“ bei denen die Stimmung die Wattwerte nach oben schnellen ließ, die Momente als die Strecke einen freien Blick auf die Skyline von Frankfurt geboten hat.

Auch die Radfahrt endete dann aber ohne Krisen und der Marathon stand an. Direkt nach der Wechselzone sah ich dann auch zum ersten Mal Susanne und freute mich nicht mehr alleine unterwegs zu sein.

Auf den ersten Kilometern der Laufstrecke wurde schnell klar, es war warm an diesem Sonntag, verdammt warm.

Auch hier war der IM Frankfurt sehr gut organsiert. Es ab Wasser, Eis und Schwämme zu hauf.
Man fühlt sich schon ein wenig wie Frodo auf Hawaii wenn man sich das Eis in den Anzug kippt und die Schwämme auf die Schultern klemmt. Aber es macht Sinn und die Hitze ließ sich gut ertragen.

Die Strecke selbst ist einfach nur der Hammer. Jeder Meter ist mit Zuschauern gepflastert die einen anfeuern. Psychologisch kommen mir Rundkurse entgegen. Die ersten Runden sind sowieso noch locker und dann sind es ja irgendwann nur noch zwei Runden und nur noch eine Runde

Da es der erste Ironman war bin ich natürlich recht defensiv angegangen, habe aber trotzdem aufgrund der vielen Erzählungen und Leidensgeschichten ständig darauf gewartet, dass die erste Krise kommt, der erste Krampf, die ersten Magenbeschwerden.
Aber die Krisen blieben aus und dann war er da, der Moment in dem ich nicht mehr auf noch eine Runde abbiegen musste, sondern den Einlauf zum Frankfurter Römer antreten durfte.

Es war geschafft, die Finishline auf die man so viele Monate hingearbeitet hatte. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Die Stimmung im Athletengarten tat ihr übriges.
Glückliche Gesichter in jeder Richtung. Freude und Erleichterung in der Luft.

Negative Momente gab es eigentlich erst nach dem Überqueren der Ziellinie und eigentlich waren sie mir aufgrund der vielen positiven Eindrücke auch jetzt, 8 Wochen später, nicht mehr präsent, trotzdem möchte ich nicht unerwähnt lassen was mich ein wenig gestört hat und was besser organisiert werden kann. Die Finishline ist grandios, die Bühne für eine EM, so wie es sein soll. Wenn man dann den Atheletenbereich betritt darf man zum Fototermin. Zerstört wie man ist, aber Glücklich mit der kg-schweren Medallie um den Hals. Wo werden die Fotos dann gemacht? Vor dem nächst besten Bauzaun! Ich war geschockt als ich das ein paar Tage später wahrgenommen habe. Das war z.B. bei der 70.3 EM in Wiesbaden  deutlich professioneller gelöst. Was dann aber wirklich die Stimmung an dem Abend fast zum Kippen gebracht hatte war der Bikecheckout. Die Räder wurden nach Ankunfszeiten in der Wechselzone einsortiert. Beim Checkout hat einem der freundliche IM Mitarbeiter die Ankunfszeit genannt und man konnte in den gut beschrifteten Reihen sein Rad abholen. Leider waren die Räder aber nicht richtig einsortiert. Es stellte sich heraus, dass z.T. total wahllos einsortiert wurde. Bei über 3.000 Rädern kann man sich vorstellen was das für ein Chaos war und wieviele frustrierte Gesichter es da gab. Ich selbst habe eine gute Stunde nach meinem Speedmax gesucht. Man will ja nach einem so langen Wettkampf viel, aber nicht so lange durch die riesige Wechselzone laufen und sein Rad suchen müssen.

Trotzdem, was von diesem Tag bleibt ist in erster Linie eine tiefe Zufriedenheit.

Aber ich merke, der Ironman hat mir trotz weiterhin vorhandener Motivation und bereits vorhandener neuer sportlicher Ideen und Ziele auch die notwendige Gelassenheit in Bezug auf mein sportliches Tun  gegeben. Man fühlt sich schon ein bisschen unangreifbar.

Nicht zuletzt empfinde ich aber auch eine große Dankbarkeit.
Dankbarkeit gegenüber der eigenen Familie die mich immer unterstützt und zu mir steht.
Dankbarkeit für Lebensumstände die es einem erlauben so einen tollen Sport betreiben zu können.
Dankbarkeit für die Gesundheit die nicht selbstverständlich ist.

Dankbarkeit für die vielen schönen Momente während der unzähligen Trainingsstunden.

Und nicht zuletzt die Gewissheit, dass dies nicht die letzte Langdistanz gewesen ist.

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